Die Liebe eines Sommers
Unterwegs mit dem Fahrrad-Kinderanhänger Ritschie2

 

Sein Name war Ritschie. Sechs Jahre waren wir ihm treu, bewegten ihn zur Freude aller Kinder und brachten viele zum Lachen, die auf den Höhen des Westerwalds und an den Niederungen der Lahn noch nie ein solches Gespann gesehen hatten. Dabei war Ritschie nur ein Fahrradanhänger, der es erlaubte zwei Kindern sanft und sicher rollend Aussicht auf alle Schönheit der Natur zu gewähren - oder sie auch nur in den Kindergarten zu fahren. Im siebten Jahr nun, dem verflixten, ist alles anders. Was uns einst an Ritschie gefiel, hat seinen Reiz verloren: das stabile Alu-Chassis, die gefederte Achse, die Möglichkeit, die Sitzposition in drei Stufen zu verstellen. Auch die Kinder mögen das treue Gefährt ihrer frühen Jahre kaum noch anschauen.

Ja, es gibt einen anderen. Ritschie2 heißt er. Und es war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Ein matt glänzendes Chassis aus verpressten und geklebten Aluminium-Platten, nicht mehr kantig wie das alte, sondern mit weichen, runden Formen; wo sich früher Nylon spannte, nun eine luftdurchlässige Sitzbank, stufenlos in Neigung und Tiefe verstellbar; 18-Zoll- Laufräder, die nur in die Achse hineingesteckt werden wollten; Kotflügel, die den ohnehin nicht spartanisch bemessenen Innenraum vergrößern und verhindern, dass Kinder in die Speichen greifen oder dass ein Laufrad an einem Hindernis einfädelt.

Und erst die Federung! Unser erster Ritschie war im Frühjahr 1993 der einzige Kinderanhänger, dessen Achse voll gefedert war. Deswegen mochten wir ihm auch nie übel nehmen, dass er unbeladen mitunter bockig wurde. Jetzt, da die Achse nach hinten versetzt wurde und nicht nur mit Federn, sondern mit zwei Schwingen ausgerüstet ist, sollte alles anders sein. Denn auf der dem serienmäßigen Paar Elastomer-Federn stehen zwei weitere als Zubehör zur Auswahl. Je nach Gewicht der Kinder kann die Dämpfung in Intervallen von his zu l5, bis 25 und his 50 Kilogramm variiert werden. Das Dach verzurrt, Schutznetz eingehakt, Wimpel aufgestellt, die Feststellbremse (ach, wir wussten nie, wie sie uns fehlte) gelöst, die Deichsel mit der patentierten Kupplung am Hinterbau des Fahrrads befestigt... Seitdem hängen wir an ihm, so, wie er an uns hängt. Zugegeben, gar zu stürmisch darf das gemeinsame Abenteuer nicht werden. Bei zwei Insassen im Kindergartenalter ist das Gesamtgewicht schnell erreicht, jenseits dessen sich ein Gespann nicht mehr sicher beherrschen lässt. Ritschie2 bringt ohne Zuladung annähernd 15 Kilogramm auf die Waage, und mit zwei Kindern kann der Anhänger ein Gewicht von mehr als 40 Kilo erreichen. Wie lautete die Faustregel für die maximale Anhängelast. "Gewicht des Anhängers plus Gewicht des Fahrrads geteilt durch zwei, sonst kann es kritisch werden".

Safer ride heißt, die Bremsen des Zugfahrrads sind immer im Bestzustand zu halten und die Warnung des Herstellers ist zu beherzigen, die auf dem Boden des Chassis angebracht ist: Im Geradeauslauf nicht schneller als 25, beim Abbiegen nicht mehr als 10 km/h fahren. Leicht gesagt, denn schon bei flachen Abfahrten ist die Richtgeschwindigkeit schnell erreicht. Ritschie nahm es uns nicht übel. In der Ebene rollte der Anhänger dank den Industrielagern und der exzellenten Federung zudem so mühelos, dass das Gewicht kaum zu spüren war - bis zur erstbesten Steigung. Dann verwandelte er sich wie jeder Anhänger in einen Sack Blei und will im Wiegetritt die Anhöhe hinaufgezogen werden. Das Ergebnis: atemloses Staunen
über die Gemütsruhe unseres Begleiters, den vor allem wegen seines niedrigen Schwerpunkts anscheinend nichts aus der Bahn werfen kann.

Gemütsruhe auch hei den Insassen unseres Neuen. Ritschie2 ist mit 84 Zentimetern Innenmaß nicht der breiteste seiner Art, aber er bietet wegen der als Armlehnen ausgelegten Kotflügel zwei Passagieren im Kindergartenalter üppigen Platz. Auch der Fußraum ist großzügig bemessen; das geht allerdings je nach Tiefe der Sitzbank auf Kosten des Stauraums im hinteren Teil der Fahrgastzelle. Im Blick auf die passive Sicherheit kaum zu überbieten: das Schutzdach in Verbindung mit den Dreipunkt-Hosenträgergurten, individuell einstellbar, auf allen drei Plätzen. Drei Wenn ein Kind allein befördert wird, muss es um der Stabilität des Anhängers willen in der Mitte befestigt werden können. Auch hier lässt uns unser neuer Begleiter nicht im Stich - und den alten alt aussehen. Da ist es nicht mehr als ein Schönheitsfehler, dass uns die Gurtschließen mehr als hakelig vorkamen und das Verstellen der Gurte ein Höchstmaß an Fingerspitzengefühl erfordert. Jedem Outdoor-Hersteller sollte es zur Ehre gereichen, wenn er bei Ritschie an diesem Punkt noch Hand anlegen dürfte.

Sonst lässt unser neuer Sommergefährte keine Wünsche offen: Das Zubehör ist ebenso reichhaltig wie luxuriös, es reicht von einem Buggy-Set, mit dem sich Ritschie2 in einen dreirädrigen Kinderwagen verwandelt, über Gurtüberzieher aus Vlies, Baumwollfell-Bezüge für die Sitzbank, eine Tasche für den Bahn- oder Autotransport und eine Hecktasche bis hin zum Hardtop, das in späteren Jahren aus dem Kinder- einen reinen Lastenanhänger macht. Selbst an die Montage einer Babyschale haben die Werkzeugbauer aus Bayern gedacht. Mit Spannbändern und dem Kinderbeckengurt entgegen der Fahrtrichtung auf der Sitzbank befestigt, hat sie weniger Spiel als in jedem Auto. Also kam der Sommer zum Höhepunkt: Radtouren mit dem sechs Monate alten Sohn, der durch das Ultraviolett filternde Verdeck vor der Sonne geschützt friedlich schlief und vermutlich von Ritschie3 träumte, dem Kinderanhänger aus dem Haus Weber, der außer einer Feststell- eine Auflaufbremse hat. Von einem solchen Gefährt träumen auch wir, obwohl schon Ritschie und Ritschie2 ihren Preis hatten.

Die unverbindliche Empfehlung des Herstellers für Ritschie2 beläuft sich auf 1499 Mark, und wer auf diverses Zubehör nicht verzichten mag, der kann in den Anhänger auch mehr als 2000 Mark investieren. Ein stolzer Preis für eine Liebe, die den Sommer überdauern wird.

DANIEL DECKERS

(Bitte beachten Sie, dass dieser Artikel aus dem Jahre 1999 stammt, und somit einige Angaben nicht auf dem aktuellen Stand sind!)

Quelle: FAZ 9/99